Historismus in Hameln - Architektur und Kultur im 19. Jahrhundert



Historismus in Hameln.

Was ist das Historismus?

Pressglas, Frankreich, 1840er Jahre

Pressglas, Frankreich, 1840er Jahre

Der Kunststil, der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bei uns vorherrschend war, wird als Historismus bezeichnet. Künstler, Architekten und Gewerbetreibende richteten sich bei der Gestaltung gern nach Vorbildern zurückliegender Kunstepochen. So galten Gotik, Renaissance und Barock als vorbildlich und man schöpfte aus dem Fundus der historischen Stile. Eine zweite Bezeichnung, die die deutschen Verhältnisse im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts beschreibt, ist "Stil der Gründerzeit".
Gotik-Dekor der Untertasse

Gotik-Dekor der Untertasse

In Deutschland führten die Reparationszahlungen, die Frankreich nach dem Krieg von 1870 / 71 bezahlen musste, zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Zahlreiche Betriebe, insbesondere Fabriken, wurden gegründet und zunächst auch gewinnbringend geführt. Die erfolgreichen Fabrikbesitzer bauten private Villen und beteiligten sich am Wohnungsbau. Letzterer boomte auch, weil Teile der Landbevölkerung ihre Arbeit nun in den Fabriken suchten und damit in die Städte zogen ("Stadtluft macht frei" von der Knechtschaft beim Grundbesitzer).

Das vermögende Bürgertum richtete seine Räumlichkeiten repräsentativ ein, was für zahllose kunstgewerbliche Betriebe eine neue wirtschaftliche Grundlage bot. Dieser Bereich des "Gewerbefleisses", wie es damals hieß, hatte im 19. Jahrhundert eine große und viel beachtete Rolle.

Tasse, Meissen

Tasse, Meissen, im Stil des Pressglases

Das Forum, in dem die Industrienationen zum Wettbewerb antraten, waren die Weltausstellungen. Die erste fand 1851 in London statt und stellte gewissermaßen ein Schlüsselerlebnis dar. Die Leistungsschau unter der Schirmherrschaft von Königin Victoria und Prinz Albert (er war wesentlich an der Organisation beteiligt) zeigte neben beindruckenden Produkten der Großindustrie auch solche der Kleinkunst und des Kunstgewerbes. Der technische Fortschritt, der hier vor Augen geführt wurde, machte bewusst, das vieles, was in früheren Zeiten mühsam von Hand gefertigt werden mußte, nun industriell und unter Zuhilfenahme von Maschinen herzustellen war. Glas mußte nicht am rotierenden Rad milimeterweise geschliffen werden, es ließ sich auch im Ätzbad sehr fein und schnell dekorieren. Die Muster wurden gleichmäßig von Maschinen in eine Abdeckmasse eingraviert (guillochiert). Andere Gläser waren durch Pressen erzeugt und konnten so in einem Arbeitsgang Form und reiche Dekoration erhalten. Diese Stücke waren zunächst noch recht teuer, aber sie gaben die Richtung für eine billgere Massenproduktion vor. Porzellan wurde bedruckt an Stelle aufwändiger Handbemalung. Leder ließ sich mit Pressdruck prägen usw.

Technischer Forschritt allenthalben. Dies war eine Erkenntnis. Aber auch schlechte Gestaltung und Stilunsicherheit überall. Das war die andere Erkenntnis. Die Moderne stellte die Dinge schneller, aber schlechter her, als die Generation der Väter und Vorväter mit ihrerer grundsoliden Handarbeit. Die Reaktion: Bildung für Hersteller und - man beachte - Schulung auch für das Auge des Publikums, für den Geschmack der Käufer. Kunstgewerbe - Museen sollten den Menschen vorbildlich gestaltete Gegenstände früherer Zeiten vor Augen führen, Hersteller und Verbraucher bilden. Angeschlossene Kunstgewerbe - Schulen sollten die Fortbildung vertiefen. Sie waren darauf eingerichtet, dass man auch am Abend, nach der Arbeit noch Kurse belegen konnte.

Galvanoplastische Nachbildungen von Kunstwerken konnten sogar in Betriebe ausgeliehen werden. Das Berliner Kunstgewerbe - Museum kaufte beispielsweise auf den Weltausstellungen Gegenstände ausländischer Firmen, um den preußischen Gewerbetreibenden (und der Bevölkerung) Vorbilder der konkurrierenden Firmen zeigen zu können. Aber auch die Sammlungsgegenstände aus dem Mittelalter, der Renaissance, aus Barock und Rokoko waren nicht dazu gedacht, "abgekupfert " zu werden, sondern der so gebildete Entwerfer sollte Gegenstände schaffen, die in ihrer gestalterischen Qualität neben den besten Vorbildern der Altforderen bestehen konnten.

Merkur Bäckerstr.51

Bildungsprogramm: Merkur
bei einem Fabrikanten
in der Bäckerstr. 51

Geht man nun durch Städte wie Hameln und betrachtet die Architektur der Gründerzeit, so wird man Stilelemente sehen, die dem florentinischen Palast entlehnt sind oder dem gotischen Kirchenbau, aber es sind keine stumpfen Kopien. Der Historismus nahm Anregungen aus der Kunst der Vergangenheit, aber er setzte sie fantasievoll in seine Zeit um. Ziel bei den besten Arbeiten war es, so gut zu sein, wie die besten Künstler der Renaissance, des Barock usw. Zeitschriften und Vorlagensammlungen gaben den Entwerfern Vorbildermaterial in die Hand. Gute Architekten, Tischler, Schlosser, Kunstmaler usw. wandelten die Anregungen in neue Entwürfe um, schlechte Handwerker kopierten die Vorlagen, um nichts falsch zu machen.

In Hameln haben wir das Glück, sowohl für die Architektur des Historismus als auch für den nachfolgenden Jugendstil (siehe dort) sehr gute, zeittypische Arbeiten erhalten zu haben. Nun findet man in Deutschland gute Arbeiten des Historismus noch in recht großer Zahl. In Hameln lohnt es sich auf das Gesamtensemble zu schauen. Die Gebäude der unterschiedlichen Zeitepochen "vertragen" sich recht gut und geben ein schönes Gesamtbild. Natürlich lag es nahe, dass für die Bauten des Historismus gern Renaissance - Elemente verwendet wurden, da die Bauten der Weserrenaissance unübersehbare Beispiele vor Augen führten. Aber auch bei diesen Anlehnungen erfolgten Umsetzungen, nie Kopien. So wird man bei einem Stadtrundgang qualitätvolle Architektur vieler Epochen vor Augen haben, da sicher kaum jemand unsere Stadt besuchen wird, um allein Beispiele des Historismus zu betrachten.

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