Jugendstil in Hameln - Architektur, Kunst und Kultur um 1900.



Jugendstil in Hameln.

Jugendstil - was ist das? Gerade, wenn man sich in Hameln die Bauwerke des Historismus ansieht, also des Kunststils, der vor dem Jugendstil vorherrschend war, dann wird verständlich, dass dagegen irgendwann ein Aufbegehren entstehen konnte, ein Wunsch zu einem neuen Aufbruch. Diese Aufbruchstimmung war in ganz Europa zu finden. Reformer, die mit ihren gestalterischen Arbeiten nicht nur die Kunst, sondern das gesamte Leben verändern wollten, fanden in England eine große Anhängerschaft. In Frankreich stellte der Galerist Bing in seiner Galerie "Art nouveau" Arbeiten in einem neuen Stil vor und gab damit der ganzen Bewegung den Namen. Über Vortragsreisen und durch Zeitschriften verbreiteten sich die neuen Anschauungen schnell. In München war die Zeitschrift "Die Jugend" ein Sprachrohr dieser Bewegung. Sie wurde zum Namensgeber in Deutschland. Waren in England die Grundsätze einer Kultur formuliert, die stark auf Handarbeit basierte, so nahmen es die Münchner mit Grundsätzlichem nicht so streng. Ein fröhlicher Schwung trug die Bewegung. Mit der Architektur des Fotoateliers Elvira schuf sie sich ihr erstes Denkmal.

Giebel Fotoatelier Blesius
Nicht ganz zufällig ist es auch in Hameln ein Fotograf, der eines der auffälligsten und schönsten Häuser im Jugendstil bauen läßt. Die Fotografie war jenes neue technische Medium, das sich anschickte, die Portraimalerei zu bedrängen.

Wie so häufig, sind wir in Hameln nicht gerade Avantgarde. Dennoch dürfen wir ganz stolz sein, denn die erhaltenen Beispiele der Architektur des Jugendstils sind als besonders gut zu bezeichnen.

Weil Hameln eine bedeutende Festung war, entstand eine spezielle Situation. An dieser Stelle dürfen wir uns einmal kurz mit Wien vergleichen. Dort hatte sich die Stadt jenseits ihres historischen Kerns längst ausgebreitet. Aber zwischen den Neuansiedlungen und der mittelalterlichen Stadt musste außerhalb der alten Befestigung ein breiter unbebauter Streifen als Schussfeld freigehalten werden, die Glacis. Erst durch ein kaiserliches Dekret wurde diese Fläche im 19. Jahrhundert zur Bebauung freigegeben. Und nun entstand in Wien jene Ringstraße, die heute mit Museen im Stil der Neurenaissance, Parlament im griechischen Tempelstil (Referenz vor der "Wiege" der Demokratie), Rathaus im Stil der Neugotik und Theater ein einzigartiges Dokument der Baukunst des Historismus darstellt.
Leider sind die Gemeinsamkeiten zwischen Wien und Hameln nicht ganz so groß, aber auch bei uns blieb jener breite Streifen der einstigen Befestigung bis Mitte des 19. Jahrhunderts unbebaut, weil Stadt und Landesregierung sich über die Besitzverhältnisse der Befestigungsanlagen nach deren Auflassung nicht einig waren.
Wurden also in der Innenstadt Häuser abgerissen und auch Grundstücke zusammengelegt, so bauten vermögende Kaufleute, Fabrikanten und die Post große Häuser im Stil des vorherrschenden Historismus. Als nun zum Ausgang des 19. Jahrhunderts die Zeit für Bauten im Stil des Jugendstils gekommen war, gab es in der historischen Innenstadt kaum große Bauprojekte. Die Gründerzeit hatte gerade mehrere Wohn- und Geschäftshäuser entstehen lassen. Der schöne Eckbau Münsterkirchhof / Bäckerstraße mit den Jugendstil – Masken ist eine Ausnahme (Bäckerstraße und Baustraße haben auch noch erhaltene Beispiele).
Aber am Wall, dort wo einst die Befestigungen waren, stand jetzt Bauland zur Verfügung. Und nun, in der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende, sehen wir sie nebeneinander: prunkvolle Zeugnisse des Historismus und Prachtbeispiele des Jugendstils.
Und wir erhalten Anschauungsunterricht, wie revolutionär anders die neue Architekturauffassung gegen den dann etwas betulich wirkenden alten Stil auftritt. Die Generation der Väter und eine junge Generation, die sich in ihrem Ausdruck nicht an Überkommenes zu halten scheint. Gotische Fischblasen-Muster als Zierformen im festen Rahmen hier und das aufgerissene Maul eines Seeungeheuers dort, zwei Häuser weiter. Bieder abgezeichnete Mustervorlagen am einen Gebäude und eine vital bewegte und sprechende Architektur beim Nachbarn. Zwei Stile krass nebeneinander. Allerdings deutet sogar einiges darauf hin, dass in Einzelfällen dieselben Architekten quasi gleichzeitig dort das Jugendstil - Wohnhaus errichteten und ein Stück weiter, das Gebäude für die Reichsbank, dass natürlich ein schönes Beispiel für den staatstragenden althergebrachten Historismus darstellt. Noch ist die Zeit des Kaiserreichs und öffentliche Gebäude müssen nicht der architektonischen Avantgarde huldigen.

Frauenkopf des Jugendstils in der Teichstr.

Typische Frauenmaske
in der Teichstr.

Dabei soll allerdings nicht übersehen werden, dass hier nur die Fassadengestaltung betrachtet wird. In ihrem Funktionswert und ihrer Solidität haben viele Gebäude des Historismus, wie auch die jüngeren des Jugendstils, ihre Aufgaben weit über ihre Zeit der Entstehung gut erfüllt. Wohnbauten, Schulen und andere öffentliche Gebäude der Zeit bieten noch einen hohen Gebrauchswert, obgleich sich die heutigen Anforderungen gegenüber denen der Planungs- und Bauzeit sehr weitgehend gewandelt haben. Natürlich waren im Innern bauliche Anpassungen notwendig. Ein schönes Beispiel sind die Räume der Deister- und Weserzeitung im einstigen historistischen Postamt. So hat die Zeitung ihren Platz im Zentrum der Stadt, wo sie hingehört.

Erwähnt werden muss noch die Vielfalt der Erscheinungsformen des europäischen Jugendstils. In Wien bezeichnete man einen der hervorragenden Repräsentanten als "Quadratel - Hofmann", weil er und seine Mitstreiter gern mit Quadraten und stark farbigen Kontrasten arbeiteten. Im Gegensatz dazu wurden im französischen Jugendstil florale Formen bevorzugt: Elegant gebogene Schwünge, die der Pflanzenwelt entnommen schienen und nicht selten auch pflanzliche Motive darstellten.

In Deutschland erfreuten sich Schmuckmotive großer Beliebtheit, die der Pflanzenwelt und dem Bereich des Wassers entnommen waren, so zum Beispiel Seerosen und Schwäne.

Entsprechend den Theoretikern des modernen Stils beschränkte sich die neuartige Gestaltung nicht auf architektonische Dekorationselemente, sondern umfaßte den gesamten Lebensbereich: Stoffe und Tapeten, Buchillustration und Schriftgestaltung, Möbel, Ziergläser und Vasen, Trinkgläser, Eßgeschirr, Bestecke, Treppengeländer und schmiedeeiserne Balkongitter. Einzig der Mensch blieb allzu leicht der alte und bewegte sich völlig unpassend in dieser schönen neuen Umwelt.

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